Markus Weinbauer
Ich
bin von den Wiener meeresbiologen im ausland, die eingeladen wurden,
ihren wissenschaftlichen lebenslauf für promare zu skizzieren,
wahrscheinlich der dienstälteste (ich habe zusammen mit Sascha Steiner
und Bernhard Riegl studiert), aber vielleicht ist das ja auch für so
manche(n) interessant. Mein bericht hat eher persönlichen als
wissenschaftlichen charakter.
Verführt
von den filmen und büchern Cousteaus (die bücher von Hans Hass kamen
erst später) begann ich in Wien mein studium mit dem ziel meeresbiologe
zu werden. Mein bruder hatte mich da hineintheatert. Dafür bin ich ihm
heute noch dankbar. Die feldforschung für meine diplomarbeit über
hornkorallen (skelettchemie, biometrie, populationsdynamik) bei Branko
Velimirov, die viel tauchen erforderte und erlaubte (anfangs noch ohne
rettungsweste und mit einer schlecht funktionierenden reserve am tank),
machte ich auf der meeresstation STARESO in Calvi auf Korsika. Auf der
"insel der schönheit", erschloß sich mir die faszinierende welt der
Mediterranen felsküsten. Diese küsten und ihre kultur sind für mich
seitdem der inbegriff von zivilisation. In einer derartigen landschaft
wollte ich mich einmal niederlassen. Wie man halt so träumt. Für meine
dissertation, die ich 1991 begann, änderte ich meine forschungsrichtung
drastisch in richtung der ökologischen role von bakteriophagen (viren,
die bakterien infizieren). Die erkenntnis aus dem jahr 1989, dass viren
im ozean abundanter sind als alle anderen lebensformen zusammen, ließ
auf eine wichtige rolle im nahrungsnetz und in biogeochemischen zyklen
schließen und erhitzte die gemüter der mikobiellen ökologen. Peter
Peduzzi hatte ein FWF projekt über marine viren genehmigt gekriegt und
akzeptierte mich als dissertanten. Die feldforschung führten wir an den
meeresstationen in Rovinj und Aurisina durch; - Jugoslawien gab es
damals noch. Nach über 10 jahren forschung in dem damals brandneuen
gebiet ist natürlich vieles überholt, aber einige unserer publikationen
werden immer noch zitiert. 1994 dissertierte ich in zoologie (!) bei
Jörg Ott, der mein offizieller betreuer war.
Im
herbst desselben jahres machte ich mich auf nach Texas, um dort bei
Curtis Suttle am Marine Science Institute in Port Aransas, Mustang
Island, weiter ueber ökologische aspekte von bakteriophagen zu
arbeiten. Da eine untersuchung der ökologischen effekte der UV
strahlung nicht nur ein spannendes, aktuelles thema darstellte, sondern
für indigene bakteriophagen gemeinschaften noch nicht durchgeführt
worden war, ließ sich das forschungsprojekt fuer meinen postdoc rasch
formulieren. Ich konnte zeigen, daß UV beschädigte phagen, die sich in
bakterien im dunkeln nicht mehr replizieren konnten, unter
lichtbedingungen in einem photoreaktivierung genanten prozeß vom
bakteriellen wirt repariert wurden. Die phagen lysierten dann als dank
dafür den wirt. Zusammen mit einer starken resistenz indigender phagen
gegen UV bedingte DNA schäden scheint photoreaktivirung einer der
hauptgründe dafür zu sein, daß viren in den UV durchfluteten oberen
wasserschichten der ozeane existieren können. Kulinarisch war Texas ein
jammer, mit ausnahme des exzellenten und billigen rindfleisches,
einiger TexMex gerichte, crawfish bowl und den austern, shrimps und
fischen aus dem Golf von Mexico. Wissenschaftlich war es eine große
erfahrung, der stimulierende geist an amerikanischen instituten wird
nicht grundlos gerühmt. Die mischung aus "laisse faire" und
unterstützung, mit der ich und alle andern in der gruppe von Curtis
behandeln wurden, hat mich stark geprägt und ich hoffe, daß ich
ähnliches in meiner eigenen gruppe umsetzen kann. Daß George W. Bush zu
dieser zeit governor von Texas war, ist nicht meine schuld.
In
Texas wurde mir das potential molekularer techniken bewußt,
fragestellungen in der mikrobiellen ökologie zu beantworten. Im Jänner
1996 flog ich bei 25°C von Corpus Christi ab und kam bei -15°C in
Frankfurt an. Kurzfristig (für ein paar monate) kamen in mir zweifel
auf, ob meine entscheidung einen postdoc bei Manfred Höfle an der
Gesellschaft für Biotechnologie (GBF) in Braunschweig anzunehmen, weise
war. Ein freund hatte mir eine stellenausschreibung aus "Der Zeit"
gefaxt und meine bewerbung war erfolgreich - krumm sind die wege vieler
lebensläufe. In den über vier jahren, die ich an der GBF verbrachte,
konnte ich mir einen guten überblick über molekulare methoden und ihre
anwendungsmöglichkeiten in der mikrobiellen ökologie verschaffen. Von
diesem wissen zehre ich noch immer. Obwohl ich nie über
biotechnologische themen gearbeitet habe, sondern als ökologe in der
sektion Mikrobiologie das kuriostätenkabinett darstellte, wurde mir
klar, daß sich so manches umweltproblem (z.b. lokale verschmutzungen im
boden durch organischen substanzen) tatsächlich und wahrscheinlich am
schonendsten mit genetisch mabgeschneiderten mikoorganismen lösen läßt
- das hätte ich mir zu Hainburgs zeiten nicht träumen lassen. Da sowohl
die wetter- als auch die ernährungssituation in Norddeutschland
qualitativ gesehen zu wünschen übrig ließ und humor – vom schmäh red
ich gar nicht- nicht einmal im keller zu finden war, beantragte ich ein
TMR (jetzt Marie-Curie) stipendium, das ich dann auch erhielt, um am
ozeanographischen institut in Villefranche-sur-Mer (nahe Nizza;
Mediterrane felsküste!), die diversität des marinen bakterioplanktons
und bakterielle life strategies zu untersuchen. Die
forschungsaufenthalte in Villefranche und der kontrast mit
Norddeutschland lieben meine ohnehin nicht schwach entwickelte
frankophile ader ordentlich anschwellen. Die forschung im Plubsee und
in der Ostsee (kein wirkliches meer) war zwar auch interessant –vor
allem die bedeutende rolle von phagen für bakterienmortaliät im
anoxischen bereich war überraschend-, aber das meer bleibt eben das
meer.
Im April 2000 kam ich vom regen in
die traufe. Ich begann einen postdoc bei Gerhard Herndl am Netherlands
Institut for Sea Research (NIOZ) auf der holländischen insel Texel, wo
der regen horizontal fällt und regenschirme überflüssig sind. War
Braunschweig kulinarisch gesehen schon schlimm genug, so gab es
wenigstens gutes brot und bier, und einen supermarkt mit vier sorten
Grüner Veltliner für den G'spritzn und gelegentlich Österreichwochen.
In Holland gab es nicht einmal das, der absolute kulinarische
tiefstand, den ich je erlebte - vielleicht habe ich deswegen nie mehr
als zwei tage hintereinander in England verbracht. In meiner
kulinarischen verzweiflung ging ich soweit, kren aus Österreich zu
importieren und auf Texel anzupflanzen - meine langjährige
oberösterreichische specklieferantenin war völlig entsetzt als ich ihr
erzählte, daß es auf Texel keinen kren gibt: "und wia essn de de
wiaschtln?". Wenn der kren so wächst wie zuhause, wird bald nichts mehr
übrig bleiben von der indigenen flora. Gerhard kannte ich von meiner
zeit in Wien an der Abteilung für Meeresbiologie. Eines der
forschungsthemen, die wir in seinem high-tech labor anpackten, war der
einfluß von vireninfektionen auf die diversität des bakterioplanktons
und die tatsächliche arbeit wurde von Christian Winter im rahmen seiner
dissertation gemacht. Christian konnte zeigen, daß viren nicht nur die
diversität der domäne Bacteria sondern auch die der Archaea
beeinflussen, und daß vireninfektionen einem tageszyklus folgen (und
einiges mehr). In den etwas mehr als 1 1/2 jahren, die ich auf Texel
verbrachte, konnte ich an einem Eisendüngungsexperiment im Southern
Ocean auf der Polarstern teilnehmen -nach vier wochen auf see ohne
sichtung eines anderen schiffes beginnt man zu zweifeln, ob die emails,
die man kriegt, nicht nur eine vorspiegelung des schiffscomputers sind-
und nach Spitzbergen fahren, wo die sonne im sommer nicht untergeht -
man kann auch noch um mitternacht walrosse beobachten fahren. Alles
möglichkeiten dem wind und dem regen auf Texel zu entkommen. Die
zusammenarbeit mit Gerhard hat es mir ermöglicht, richtige
ozeanographische forschung zu betreiben. Mit Gerhard habe ich immer
noch gemeinsame projekte, in den letzten beiden jahren waren wir auf
drei cruises in den Nordatlantik und ins Mittelmeer und ein weiterer
Atlantik cruise ist für dieses jahr geplant. Neben der faszination des
meeres und der freude am finden und lösen wissenschaftlicher probleme,
ist es die möglichkeit "fremde welten" zu besuchen und über gemeinsame
arbeit ozeanüberschreitende freundschaften aufzubauen, die für mich
eine wissenschaftliche laufbahn so attraktiv machen. Ich glaube nicht,
daß es viele jobs gibt, in denen man seinen spinnereien so nachgehen
und -geben kann wie in der wissenschaft.
Im
Jänner 2002 habe ich Holland verlassen um in Villefranche-sur-mer
(Laboratoire d'Océanographie de Villefranche, LOV) eine stelle as
französischer staatsdiener mit dem an k&k zeiten erinnernden titel
Forschungsbeauftragter Erster Klasse anzutreten. Die einladung mich auf
eine stelle am LOV zu bewerben, kam am tag nach meinem letzten
forschungsaufenthalt - die erfüllung eines traumes begann sich
abzuzeichnen. Die themen, die mich interessieren, sind die
virendiversität und (immer noch) die rolle von viren im marinen
nahrungsnetz, und die verbindung zwischen bakteriendiversität und
ökosystemfunktionen (das schliebt auch bakterielle life strategies
ein). Am LOV aber auch zusammen mit Karel Simek vom Hyrdologischen
Institut in Budweis arbeite ich seit einiger zeit auch daran, die
relative rolle von phageninfektionen und dem weidedruck durch
flagellaten auf bakterielle diversität, produktivität und life
strategies zu bestimmen. Auberdem versuchen wir in zusammenarbeit mit
wissenschaftlern an der GBF (Dirk Wenderoth, Wolf-Rainer Abraham und
Ken Timmis), metagenomanalysen (gemeinschaftsgenomanalysen) von viren
und prokaryoten aus der tiefsee durchzuführen, um mehr ueber die
biodiversität dieser mikoorganismen zu erfahren und genomanalysen für
ökologische forschung zugänglich zu machen. Molekulare methoden
erlauben eine erweiterung ökologischer fragestellungen auf eine art und
weise, wie das früher einfach nicht möglich war. Die gen-phän
verbindungen und ihre interaktionen mit der belebten und unbelebten
umwelt sind jetzt zum erstenmal methodisch auf allen (oder zumindest
den meisten) ebenen untersuchbar, auch wenn das das nicht immer einfach
ist. Die genetik und die molekularbiologie interessieren mich zwar
immer noch nicht brennend, aber es ist ganz klar, dass das wissen und
die techniken von genetikern und molekularbiologen unser verständnis
von biologischen vorgängen enorm bereichert haben - auch wenn die
(ökologischen) aussagen dieser gruppe von biologen gelegentlich
haarsträubend dumm sind.
An den
Mediterranen felsküsten kehre ich zu meinen wissenschaftlichen wurzeln
zurück, da ich dieses jahr in zusammenabeit mit Pei-Yuan Qian von der
Hong Kong University of Science and Technology begonnen habe, die
bakteriendiversität auf oktokorallen zu studieren - unter anderem
diejenigen arten, die ich während meiner diplomarbeit noch rein
zoologisch untersuchte. Außerdem gehe ich im sommer vor dem mittagessen
ein halbe stunde schnorcheln. Das gebietet dem wachstum meines bauches
einhalt, während es das wachstum meines taxonomischen und ökologischen
wissens über marine vielzeller fördert (den alten 1983er
mittelmeerführer von Riedl finde ich immer noch ein highlight). Ein
anderes projekt, in das ich involviert bin, befasst sich mit der
interaktion von bakterien und korallen in tiefwasserkorallenriffen (ca.
200-1000m) und im herbst geht's nach Neukaledonien zu der größten
lagune der welt. Corals meet microbes, oder umgekehrt, und die viren
werden wir da auch noch hineinpacken. Ein grobteil meiner zeit wird
zwar inzwischen vom projekte, forschungsberichte und reviews schreiben
und von administrativen arbeiten konsumiert, aber es bleiben immer noch
genügend interaktionen mit studenten, postdocs und anderen
wissenschaftlern sowie forschungsfahrten übrig, um das gefühl
aufrechtzuerhalten vom eigentlichen wissenschaftlichen prozeß nicht
allzuweit entfernt zu sein.
Zum
erstenmal, seit ich in die ferne zog, habe ich nur mehr geringe
kulinarische sorgen - kren werde ich trotzdem wieder anbauen müssen.
Zwei österreichische postdocs, Andrea Malits und Martin Agis, beide
absolventen der Wiener meeresbiologie, sorgen dafür, dass ich meinen
dialekt nicht vergesse. Schweinsbraten und gesottenes schulterscherzel
werden inzwischen auch an der Cote d'Azur zubereitet. Fürs Szegediner
und das originale gulasch hab ich auch schon den Kotany paprika edelsüß
importiert (unglaublich aber wahr, ich hab den auch im Port Aransas,
dem texanischen equivalent von Grammatneusiedl, gekriegt!). Abgesehen
davon ist essen in Frankreich untrennbar mit kultur verbunden, so wie's
sein soll.
Ohne das bild allzusehr
strapazieren zu wollen, ist es doch so, daß sich für mich ein traum
erfüllt hat: Expeditionen in unterschiedliche ozeane und länder und ein
job in einem ozeanographischen institut am Mittelmeer. Da ich jetzt
eine permanente stelle habe, kann ich natürlich auch gscheit daherreden
und meinen senf verteilen. Aber ich glaube nicht, daß ich mich in
meiner ansicht irre, daß es auch in unserer für ökologen immer
schwieriger werdenden zeit möglich ist zu reüssieren, wenn man für neue
entwicklungen offen bleibt und trotzdem seinem stern folgt (und a bißl
glück hat).
Eine publikationsliste führe ich nicht an, wenn wer was genaueres oder was generelleres wissen will, meine email adresse ist:
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und die homepage ist: http://www.obs-vlfr.fr.