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Montag, 16. Juli 2018
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"....wo sind sie geblieben?" (Teil 3) Drucken E-Mail
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können und Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können , Abteilung Meeresbiologie, Universität Wien

Eine der häufigsten Fragen, die an Jörg von Studenten gestellt wird, ist: "....wo sind sie geblieben? Was passiert mit den österreichischen MeeresbiologInnen, wenn sie ihr Studium beendet haben?". Hier ist nun der dritte Teil der neuen Serie unseres Pro Mare-Newsletters, in der junge österreichische MeeresbiologInnen diese Fragen selbst beantworten.

In diesem dritten Teil berichtet nun Martin Polz nicht nur über seinen akademischen Weg, welcher mit dem Diplomstudium in Wien an der Meeresbiologie begann, mit dem Dissertationsstudium in Harvard und einer anschließenden Professur am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge, fortgeführt wurde, sondern Martin Polz berichtet auch über die Beweggründe, die ihn dazu geführt hatten, diesen Weg zu beschreiten.

Doch lesen Sie bitte auch noch einmal die vorrangegangen, sehr lesenswerten und interessanten Berichte dieser neuen Pro Mare-Serie! Sie wurde im Newsletter 05/2004 von Mark Hartl, Lecturer an der University of Cork (Irland), begonnen. Im darauffolgenden Newsletter (01/2005) berichteten uns Astrid Schnetzer, Postdoctoral Research Associate der University of Southern California, und Markus Weinbauer, Forschungsbeauftragter am Laboratoire d'Océanographie de Villefranche (LOV) von ihren Wegen. Ebenfalls im vorletzten Pro Mare-Newsletter (05/2004) können Sie auch nachlesen, was uns dazu bewogen hat, die Auswahl an Berichtenden auf junge Post Doc´s oder auf diejenigen zu beschränken, die erst seit wenigen Jahren eine Anstellung mit Karriereaussicht haben. Und in den folgenden, zukünftigen ProMare-Newslettern im Jahr 2005 können Sie sich auf die Berichte von Elisabeth Kaltenböck und von Rainer Amon freuen, die ausführlich und in lockerer Art und Weise nicht nur die Frage: "....wo sind sie geblieben?" sondern auch die Frage "Warum sind sie es geworden?" für sich persönlich und für uns beantworten werden. Bleiben Sie schön neugierig !

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Martin Polz, Associate Professor und Laborleiter (Polz Lab), Department of Civil and Environmental Engineering, Massachusetts Institute of Technology

Oft werde ich gefragt, wie man denn in Wien Meeresbiologie studieren kann. Schließlich sei Österreich doch ein Binnenland und hätte doch keinen Zugang zum Meer. Dem erwidere ich stets, dass man das Meer nicht vor der Haustür braucht, um es zu erforschen. Denn schließlich ist die Erde ein blauer Planet, da das Meer 70% der Fläche bedeckt. Daher ist Meeresbiologie ein integraler Bestandteil einer global orientierten Ökologie und hat auch in einem Binnenland einen wichtigen Stellenwert. Demnach hat die Meeresbiologie auch in Wien eine lange und durchaus sehenswerte Tradition. Sie hat über die Jahre hinweg sehr gute Wissenschafter produziert, die heute in Wien und dem Rest der Welt tätig sind.

Mein Studium in Wien hat mich daher gut vorbereitet für meinen weiteren Weg, der mich in die USA zunächst zum Dissertationsstudium nach Harvard und dann später zur Professur am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geführt hat. Eigentlich war dieser Weg nur bedingt geplant und beruht zum Gutteil auf der Ermunterung von Jörg Ott und Gerhard Herndl, der damals in Wien tätig war.

Eigentlich wollte ich Waldökologie studieren, denn als ich zur Mittelschule in Linz ging, wurde gerade der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und großflächigem Waldsterben in der Öffentlichkeit diskutiert. Als ich dann aber ein paar Semester so recht und schlecht heruntergebogen hatte, fing ich mich für Meeresökologie zu interessieren an. Den Ausschlag dafür gab mir die Vorlesung von Professor Ott und die Möglichkeit an einem Praktikum in Rovinji in Kroatien teilzunehmen. Ich fing dann auch langsam an in einem der Projekte im meeresbiologischen Institut mitzuarbeiten. Dies war schon der erste Test meines Durchhaltevermögens, denn ich musste mit einer dünnen Nadel mikroskopisch kleine Würmer von einer Präparationslösung zur anderen transferieren. Dies geschah unter einem Mikroskop, das jegliches Zittern der Hand zu einem Erdbeben in der Präparationslösung verstärkte. Ich erinnere mich, dass ich oft den langen Gang am Institut auf und ab gelaufen bin, um meinen Ärger, dass ein Wurm partout nicht auf die Nadel wollte, zu vertreiben.

Rudi Novak, der damals im Team von Jörg Ott als Assistent sehr gute und innovative Forschung geleistet hat, war offensichtlich von meiner Geduld beeindruckt und aus einem Gespräch mit ihm entstand dann meine Diplomarbeit. Die Aufgabe hatte mit den mikroskopisch kleinen Würmer zu tun, die ich von einem Schälchen ins andere bewegt hatte. Wer hätte gedacht, dass dies kleinen Kreaturen, die mich oft fast zum Wahnsinn gebracht hatten, ein interessantes Geheimnis hegten.

Diese Würmer sind spezielle Nematodenarten, die allesamt am ganzen Körper von Bakterien bewachsen sind. Im Laufe der Zeit sollte sich herausstellen, dass die Würmer mit den Bakterien in Symbiose leben. Die Würmer wandern in chemischen Gradienten in Meeressedimenten und bringen ihre Bakterien dadurch zu optimalem Wachstum. Die Bakterien ihrerseits dienen den Würmern als Nahrung. Meine Aufgabe war es damals, die Verwandtschaft der Bakterien zu charakterisieren. Dies war keine einfache Aufgabe, denn die Bakterien sind nicht kultivierbar und können daher nur durch Ermittlung ihres genetischen Materials erkannt werden. In dieser Methode werden Basenabfolgen von Genen von verschiedenen Organismen verglichen und nach Ähnlichkeit in Stammbäume geordnet.

Diese Techniken waren damals in Wien zwar schon vertreten, niemand verwendete sie aber für unkultivierbare Bakterien. Ich habe es daher der Weltoffenheit und den guten Kontakten von Gerhard Herndl und Jörg Ott zu verdanken, dass sie mich umgehends in die USA schickten, um dort während eines Sommers die notwendigen Techniken zu erlernen. Ich verbrachte also zuerst sechs Wochen am berühmten Marine Biological Laboratory in Woods Hole, Massachusetts, um dort in einem Sommerkurs molekularbiologische Techniken zu erlernen. Anschließend flog ich dann nach San Diego and die Scripps Institution of Oceanography, um im Labor von Horst Felbeck unsere Wurmbakterien zu analysieren. Der ganze Aufenthalt war ein großer Erfolg und ich kehrte mit zweierlei nach Wien zurück: Erstens mit einer fast fertigen Diplomarbeit, zweitens mit einigen Angeboten von Professoren aus den USA, bei ihnen die Dissertation zu beginnen.

Ich blieb dann noch ein Jahr in Europa, während dessen ich bei Rudi Amann in München die Charakterisierung der Bakterien fortsetzte und mich mit der Vorbereitung der Tests beschäftigte, die für Zugang zum Dissertationsstudium von amerikanischen Universitäten verlangt werden. Ich kann nur jedem, der überlegt, in den USA zu studieren, empfehlen, diese Tests Ernst zu nehmen. Sie sind nicht schwierig, aber werden in einem Format gegeben, dass man als Europäer nicht gewohnt ist. Dass ich mit meinen Testergebnissen in Harvard aufgenommen wurde, grenzt an ein Wunder, oder spricht für die Toleranz der Amerikaner, die man im Moment ein wenig missen mag.

Im Sommer 1992 ging es dann los nach Cambridge bei Boston, wo die Harvard University liegt. Colleen Cavanaugh, meine zukünftige Dissertationsmutter, holte mich vom Flughafen ab und ich erinnere mich nur an die zahlreichen Schweißausbrüche, die ich im Verlaufe des Tages hatte, denn ich hatte kaum geschlafen und es war saisongemäß unheimlich heiß und schwül in Boston. Auf ganz amerikanische Art ging es dann auch gleich ins Labor, wofür ich dankbar war, denn es war klimatisiert. Letztendlich wurde ich dann in einem Zimmer untergebracht, um dann am nächsten Tag so früh zu erwachen, dass ich feststellen konnte, dass die amerikanischen Müllmänner sehr ähnlich den Europäschen arbeiten. Zum meinem Entsetzen müsste ich auch feststellen, dass in Amerika nicht alle Geschäfte 24 Stunden lang geöffnet sind und ich um fünf Uhr früh nicht einmal einen Kaffee bekommen konnte.

Ich habe mich aber schnell eingelebt und begann bald die Routine des Studiums und der Dissertation. Diese dauerte in den USA generell fünf bis sechs Jahre. Meine dauerte sechs. Ich habe die Arbeit, die ich in Wien begann zum Teil fortgesetzt und habe ähnliche Symbiosen, die an heißen Tiefseequellen leben erforscht. Dies hat mir auch einige sehr interessante Ausflüge in die Tiefsee mit einem Unterseeboot beschert, denn die Quellen befinden sich in mehreren 1000 Metern Tiefe. Während meiner Arbeit an den Symbiosen verwandte und entwickelte ich auch einige Techniken, die für das Studium von Bakteriengemeinschaften in der Umwelt von Bedeutung sind. Dies war dann letztendlich auch ausschlaggebend, für meine erfolgreiche Bewerbung für eine Professur am MIT.

Das MIT liegt nur etwa zwei Kilometer flussabwärts in Cambridge und somit musste ich nicht einmal umziehen. Ich arbeite nun seit etwa sechs Jahren im Department of Environmental Engineering und bin Mitglied des Joint Programs in Biological Oceanography mit der Woods Hole Institution of Oceanography. Meine Arbeit beschäftigt sich nunmehr mit der Evolution und Ökologie von Bakteriengemeinschaften im Meer. Unter anderem erforscht meine Gruppe mittels molekularbiologischer Methoden wie sich natürliche Selektion auf die Genomstruktur von Bakterien in der Umwelt auswirkt. Dies hat besondere Bedeutung will man die Entstehung von spezialisierten Bakterientypen, wie in etwa krankheitserregende Bakterien, verstehen.

Ich kehre stets gerne nach Wien zurück und tue dies zumindest einmal im Jahr. Auch werde ich mich immer der Wiener Meeresbiologie verbunden fühlen, denn sie hat mir die solide Grundlage gegeben, im amerikanischen Wettbewerb zu bestehen.