Eine
der häufigsten Fragen, die an Jörg von Studenten gestellt wird, ist:
"....wo sind sie geblieben? Was passiert mit den österreichischen
MeeresbiologInnen, wenn sie ihr Studium beendet haben?". Hier ist nun
der dritte Teil der neuen Serie unseres Pro Mare-Newsletters, in der
junge österreichische MeeresbiologInnen diese Fragen selbst beantworten.
In
diesem dritten Teil berichtet nun Martin Polz nicht nur über seinen
akademischen Weg, welcher mit dem Diplomstudium in Wien an der
Meeresbiologie begann, mit dem Dissertationsstudium in Harvard und
einer anschließenden Professur am Massachusetts Institute of Technology
(MIT), Cambridge, fortgeführt wurde, sondern Martin Polz berichtet auch
über die Beweggründe, die ihn dazu geführt hatten, diesen Weg zu
beschreiten.
Doch lesen Sie bitte auch noch einmal die
vorrangegangen, sehr lesenswerten und interessanten Berichte dieser
neuen Pro Mare-Serie! Sie wurde im Newsletter 05/2004 von Mark Hartl, Lecturer an der University of Cork (Irland), begonnen. Im darauffolgenden Newsletter (01/2005) berichteten uns Astrid Schnetzer, Postdoctoral Research Associate der University of Southern California, und Markus Weinbauer,
Forschungsbeauftragter am Laboratoire d'Océanographie de Villefranche
(LOV) von ihren Wegen. Ebenfalls im vorletzten Pro Mare-Newsletter (05/2004)
können Sie auch nachlesen, was uns dazu bewogen hat, die Auswahl an
Berichtenden auf junge Post Doc´s oder auf diejenigen zu beschränken,
die erst seit wenigen Jahren eine Anstellung mit Karriereaussicht
haben. Und in den folgenden, zukünftigen ProMare-Newslettern im Jahr
2005 können Sie sich auf die Berichte von Elisabeth Kaltenböck und von
Rainer Amon freuen, die ausführlich und in lockerer Art und Weise nicht
nur die Frage: "....wo sind sie geblieben?" sondern auch die Frage
"Warum sind sie es geworden?" für sich persönlich und für uns
beantworten werden. Bleiben Sie schön neugierig !
Martin
Polz, Associate Professor und Laborleiter (Polz Lab), Department of
Civil and Environmental Engineering, Massachusetts Institute of
Technology
Oft
werde ich gefragt, wie man denn in Wien Meeresbiologie studieren kann.
Schließlich sei Österreich doch ein Binnenland und hätte doch keinen
Zugang zum Meer. Dem erwidere ich stets, dass man das Meer nicht vor
der Haustür braucht, um es zu erforschen. Denn schließlich ist die Erde
ein blauer Planet, da das Meer 70% der Fläche bedeckt. Daher ist
Meeresbiologie ein integraler Bestandteil einer global orientierten
Ökologie und hat auch in einem Binnenland einen wichtigen Stellenwert.
Demnach hat die Meeresbiologie auch in Wien eine lange und durchaus
sehenswerte Tradition. Sie hat über die Jahre hinweg sehr gute
Wissenschafter produziert, die heute in Wien und dem Rest der Welt
tätig sind.
Mein Studium in Wien hat mich daher gut
vorbereitet für meinen weiteren Weg, der mich in die USA zunächst zum
Dissertationsstudium nach Harvard und dann später zur Professur am
Massachusetts Institute of Technology (MIT) geführt hat. Eigentlich war
dieser Weg nur bedingt geplant und beruht zum Gutteil auf der
Ermunterung von Jörg Ott und Gerhard Herndl, der damals in Wien tätig
war.
Eigentlich wollte ich Waldökologie studieren, denn
als ich zur Mittelschule in Linz ging, wurde gerade der Zusammenhang
zwischen Luftverschmutzung und großflächigem Waldsterben in der
Öffentlichkeit diskutiert. Als ich dann aber ein paar Semester so recht
und schlecht heruntergebogen hatte, fing ich mich für Meeresökologie zu
interessieren an. Den Ausschlag dafür gab mir die Vorlesung von
Professor Ott und die Möglichkeit an einem Praktikum in Rovinji in
Kroatien teilzunehmen. Ich fing dann auch langsam an in einem der
Projekte im meeresbiologischen Institut mitzuarbeiten. Dies war schon
der erste Test meines Durchhaltevermögens, denn ich musste mit einer
dünnen Nadel mikroskopisch kleine Würmer von einer Präparationslösung
zur anderen transferieren. Dies geschah unter einem Mikroskop, das
jegliches Zittern der Hand zu einem Erdbeben in der Präparationslösung
verstärkte. Ich erinnere mich, dass ich oft den langen Gang am Institut
auf und ab gelaufen bin, um meinen Ärger, dass ein Wurm partout nicht
auf die Nadel wollte, zu vertreiben.
Rudi Novak, der
damals im Team von Jörg Ott als Assistent sehr gute und innovative
Forschung geleistet hat, war offensichtlich von meiner Geduld
beeindruckt und aus einem Gespräch mit ihm entstand dann meine
Diplomarbeit. Die Aufgabe hatte mit den mikroskopisch kleinen Würmer zu
tun, die ich von einem Schälchen ins andere bewegt hatte. Wer hätte
gedacht, dass dies kleinen Kreaturen, die mich oft fast zum Wahnsinn
gebracht hatten, ein interessantes Geheimnis hegten.
Diese
Würmer sind spezielle Nematodenarten, die allesamt am ganzen Körper von
Bakterien bewachsen sind. Im Laufe der Zeit sollte sich herausstellen,
dass die Würmer mit den Bakterien in Symbiose leben. Die Würmer wandern
in chemischen Gradienten in Meeressedimenten und bringen ihre Bakterien
dadurch zu optimalem Wachstum. Die Bakterien ihrerseits dienen den
Würmern als Nahrung. Meine Aufgabe war es damals, die Verwandtschaft
der Bakterien zu charakterisieren. Dies war keine einfache Aufgabe,
denn die Bakterien sind nicht kultivierbar und können daher nur durch
Ermittlung ihres genetischen Materials erkannt werden. In dieser
Methode werden Basenabfolgen von Genen von verschiedenen Organismen
verglichen und nach Ähnlichkeit in Stammbäume geordnet.
Diese
Techniken waren damals in Wien zwar schon vertreten, niemand verwendete
sie aber für unkultivierbare Bakterien. Ich habe es daher der
Weltoffenheit und den guten Kontakten von Gerhard Herndl und Jörg Ott
zu verdanken, dass sie mich umgehends in die USA schickten, um dort
während eines Sommers die notwendigen Techniken zu erlernen. Ich
verbrachte also zuerst sechs Wochen am berühmten Marine Biological
Laboratory in Woods Hole, Massachusetts, um dort in einem Sommerkurs
molekularbiologische Techniken zu erlernen. Anschließend flog ich dann
nach San Diego and die Scripps Institution of Oceanography, um im Labor
von Horst Felbeck unsere Wurmbakterien zu analysieren. Der ganze
Aufenthalt war ein großer Erfolg und ich kehrte mit zweierlei nach Wien
zurück: Erstens mit einer fast fertigen Diplomarbeit, zweitens mit
einigen Angeboten von Professoren aus den USA, bei ihnen die
Dissertation zu beginnen.
Ich blieb dann noch ein Jahr
in Europa, während dessen ich bei Rudi Amann in München die
Charakterisierung der Bakterien fortsetzte und mich mit der
Vorbereitung der Tests beschäftigte, die für Zugang zum
Dissertationsstudium von amerikanischen Universitäten verlangt werden.
Ich kann nur jedem, der überlegt, in den USA zu studieren, empfehlen,
diese Tests Ernst zu nehmen. Sie sind nicht schwierig, aber werden in
einem Format gegeben, dass man als Europäer nicht gewohnt ist. Dass ich
mit meinen Testergebnissen in Harvard aufgenommen wurde, grenzt an ein
Wunder, oder spricht für die Toleranz der Amerikaner, die man im Moment
ein wenig missen mag.
Im Sommer 1992 ging es dann los
nach Cambridge bei Boston, wo die Harvard University liegt. Colleen
Cavanaugh, meine zukünftige Dissertationsmutter, holte mich vom
Flughafen ab und ich erinnere mich nur an die zahlreichen
Schweißausbrüche, die ich im Verlaufe des Tages hatte, denn ich hatte
kaum geschlafen und es war saisongemäß unheimlich heiß und schwül in
Boston. Auf ganz amerikanische Art ging es dann auch gleich ins Labor,
wofür ich dankbar war, denn es war klimatisiert. Letztendlich wurde ich
dann in einem Zimmer untergebracht, um dann am nächsten Tag so früh zu
erwachen, dass ich feststellen konnte, dass die amerikanischen
Müllmänner sehr ähnlich den Europäschen arbeiten. Zum meinem Entsetzen
müsste ich auch feststellen, dass in Amerika nicht alle Geschäfte 24
Stunden lang geöffnet sind und ich um fünf Uhr früh nicht einmal einen
Kaffee bekommen konnte.
Ich habe mich aber schnell
eingelebt und begann bald die Routine des Studiums und der
Dissertation. Diese dauerte in den USA generell fünf bis sechs Jahre.
Meine dauerte sechs. Ich habe die Arbeit, die ich in Wien begann zum
Teil fortgesetzt und habe ähnliche Symbiosen, die an heißen
Tiefseequellen leben erforscht. Dies hat mir auch einige sehr
interessante Ausflüge in die Tiefsee mit einem Unterseeboot beschert,
denn die Quellen befinden sich in mehreren 1000 Metern Tiefe. Während
meiner Arbeit an den Symbiosen verwandte und entwickelte ich auch
einige Techniken, die für das Studium von Bakteriengemeinschaften in
der Umwelt von Bedeutung sind. Dies war dann letztendlich auch
ausschlaggebend, für meine erfolgreiche Bewerbung für eine Professur am
MIT.
Das MIT liegt nur etwa zwei Kilometer flussabwärts
in Cambridge und somit musste ich nicht einmal umziehen. Ich arbeite
nun seit etwa sechs Jahren im Department of Environmental Engineering
und bin Mitglied des Joint Programs in Biological Oceanography mit der
Woods Hole Institution of Oceanography. Meine Arbeit beschäftigt sich
nunmehr mit der Evolution und Ökologie von Bakteriengemeinschaften im
Meer. Unter anderem erforscht meine Gruppe mittels
molekularbiologischer Methoden wie sich natürliche Selektion auf die
Genomstruktur von Bakterien in der Umwelt auswirkt. Dies hat besondere
Bedeutung will man die Entstehung von spezialisierten Bakterientypen,
wie in etwa krankheitserregende Bakterien, verstehen.
Ich
kehre stets gerne nach Wien zurück und tue dies zumindest einmal im
Jahr. Auch werde ich mich immer der Wiener Meeresbiologie verbunden
fühlen, denn sie hat mir die solide Grundlage gegeben, im
amerikanischen Wettbewerb zu bestehen.