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Samstag, 26. Mai 2018
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Der "Prestige" Tankerunfall - oder welch' eine Überraschung! Drucken E-Mail
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können , Abteilung Meeresbiologie, Universität Wien

Der Tanker "Prestige" ist am 20. November 2002 vor der Küste Spaniens gesunken - noch tagelang auf das offene Meer hinausgeschleppt, um Distanz zur Küste zu schaffen. Auf den Bahamas registriert, unter Management einer liberianischen Firma mit Sitz in Griechenland, gechartert von der russischen Zweigstelle eines Konzerns mit Sitz in der Schweiz: Zielhafen Singapur, oder doch Gibraltar? Wer nun glaubt, dass es sich hierbei um einen besonders interessanten, einmaligen Fall handelt, den es in allen Einzelheiten zu verfolgen gilt, ist - wie es Humphrey Bogart in Casablanca so süffisant formulierte - missinformiert. Denn nur die Akteure wechseln. In den wesentlichen Punkten folgt der Ablauf der Katastrophe immer dem altbewährten Schema:
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Der sinkende Tanker "Prestige" wird aufs offene Meer geschleppt

Die "Prestige" sinkt - in zwei Teile geborsten

 

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1. Hoffnungslos veraltet

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Der Tanker ist alt, in diesem Fall 26 Jahre, ein Alter, in dem so gut wie kein Flugzeug und nur wenige Autos noch zugelassen werden. Der Rumpf einwandig statt mit Doppelwandung ausgestattet, hoffnungslos antiquiert. Natürlich hat das Boot die letzte Inspektion mit fliegenden Fahnen geschafft.

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2. Billigflagge

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Der Tanker lief unter Billigflagge. Liberia, Panama und wie sie heissen mögen. Hier kann an Steuern, Sicherheitsstandards und Mannschaftsniveau kräftig gespart werden.

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3. Schweres Wetter

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Eine Bergung ist wetterbedingt nicht möglich. Wer hätte das gedacht - solch hohe Wellen im Atlantik/Pazifik/Indischer Ozean (zutreffendes ankreuzen)!

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4. Überraschung

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Das Unglück trifft die Region vollkommen unvorbereitet. Nur einige Kilometer Ölbarrieren stehen zur Verfügung und so gut wie keine weiteren geeigneten Geräte, ungenügend geschultes Personal, nahezu krimineller Mangel an Koordination.

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5. Verwirrung

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Widersprüchlichste Meldungen der Behörden werden veröffentlicht: das Leck wurde beseitigt. Falls es doch lecken sollte, würde das Öl ohnehin im kalten Wasser stocken, oder aber im warmen Wasser verdunsten. Alle Hoffnungen werden auf günstige Winde und Strömungen gesetzt. Leider - Pech gehabt.

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6. Es geht los

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Das Öl erreicht die Küste. Ein Wirrwarr an Prognosen wird erstellt, die Mengen je nach Quelle in Barrels, Tonnen oder Liter angegeben.

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7. Nicht das 1. Mal

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Das Gebiet hat sich noch nicht von dem letzten Giftunfall/Fischereikollaps/der letzten Ölkatastrophe (bitte zutreffendes ankreuzen) erholt.

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8. Der Sündenbock

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Der Kapitän wird verhaftet. Einen Bösewicht muss es ja geben. Der Kapitän wird wieder entlassen. Im Fall der "Prestige" im Februar 2003 gegen eine Kaution von 3 Millionen EURO - bezahlt vom Versicherer. Liegt die Schuld vielleicht doch woanders?
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Der Kapitän des Unglücks-Tankers "Prestige" wird in La Coruna von zwei spanischen Polizisten abgeführt

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9. Man muss doch was tun

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Da professionelle Putzmannschaften fehlen, werden freiwillige Hilfskräfte mobilisiert. Studenten reisen an, das Militär wird abkommandiert. Sie werden z.T. demotiviert und schikaniert.
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Soldaten beim aussichtslosen Kampf gegen das Öl

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10. Hoffnungsloser Einsatz

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Die Putzaktionen laufen unter Einsatz primitivster Mittel ab: in unser high-tech Welt muss händisch mit Schaufeln, Gummihandschuhen und Kübeln gearbeitet werden. Schutzanzüge oder Atemschutzgeräte bekommen nur die wenigsten.
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Fassungslos und Hilflos

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11. Vögel für die Medien

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Reiche Fischereigründe sind gefährdet und/oder Naturschutzgebiete in höchster Gefahr. Die obligaten Vogelputzstationen werden errichtet, die erfahrenen Veterinärmediziner müssen zugeben, dass das Ganze eine medienwirksame Kosmetik bleibt, der überwiegende Teil der Tiere muss sterben.
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Ein Ölverklebter Meeresvogel - dem Tode geweiht.

Vogelputzstationen sind medienwirksam - die Tiere sterben dennoch meist an Vergiftungen und Verätzungen im Verdauungstrakt

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12. Die Politik

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Das Ereignis nimmt langsam eine politische Dimension an. Im Parlament werden, nach Tagen der Beschwichtigung Reden, Minister und sogar Staatsoberhäupter in die Defensive gedrängt. Politiker kommen verspätet und nur unter schwerem Polizeischutz zum Ort des Geschehens. Ernste Mienen werden medienwirksam aufgesetzt. Händeringend wird festgestellt: Neue Gesetze müssen her. Bereits bestehende Gesetze schneller implementiert. Hilfe wird versprochen.

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13. Hoffnungsloser Einsatz Teil 2

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Die Hilfe kommt nicht. Verzweifelte Fischer versuchen in Eigenregie Abhilfe zu schaffen, basteln Ölsperren aus Netzen und Tonnen. Technische Hilfe aus dem Ausland wird umständlich angefordert und kommt verspätet an.

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14. Die Folgen

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Einige Küstenstrecken werden gesperrt. Zuerst 100 km am Unfallort, dann 500 km, letztlich verteilt über 1000e von Kilometern und grenzüberschreitend. Der Handel mit Meeresprodukten aus betroffenen Gebieten wird eingestellt. Der Kauf von Meeresprodukten geht auch in ungefährdeten Gebieten und in Städten weit im Landesinneren zurück.
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Eine herrliche Küstenlandschaft im Nord-Westen Spaniens, wie hier in der Gegend von Galineiro, wird von den Massen von Öl verschandelt.

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15. Einschaltquoten

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Zuhause, weit vom Meer entfernt, wollen die örtliche Medien immer nur die eine einfältige Frage möglichst knapp beantwortet haben: "Wie lang wird das nun dauern?" Möglichst nur eine verallgemeinernde Zeitangabe. Wer hat schon, in Zeiten wie diesen, Ohren für differenziertere Auskünfte, z.B. über den Grad der Verwundbarkeit der verschiedenen Küstentypen. Die Häufigkeit der Pressemeldungen nimmt rapide ab, die Berichte rutschen von der Titelseite immer weiter nach hinten und werden immer kürzer.

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16. Der Rechtsjungel

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Die Suche nach den Schuldigen geht verschlungene Wege. Es wird Klagen und Gegenklagen geben. Nationen, Behörden, Fischereiverbände, Naturschutzorganisationen, Firmen, Einzelpersonen werden die Akteure sein. Erfahrungsgemäss wird in 20-30 Jahren ausjudiziert. Bis alle Entschädigungen ausbezahlt sind, kann es ebenso lange dauern.

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17. Einige Monate später, irgendwo anders: BIG SURPRISE!

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Hintergrundinformationen über die Ölkatastrophe an der spanischen Küste sind (auf englisch) über eine website des World Wildlife Fund abrufbar!