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Samstag, 26. Mai 2018
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Forschungsreise in die Karibik - Auszug aus dem Tagebuch eines Meeresbiologen Drucken E-Mail

Im Rahmen meiner Dissertation über das Wimperntierchen Zoothamnium niveum (Ciliata) an der Abteilung Meeresbiologie konnte ich im Sommer 2003 eine dreiwöchige Forschungsreise in die Karibik unternehmen. Der folgende Tagebuch Auszug soll eine Vorstellung vom Forscherleben auf einem kleinen Eiland in den Tropen geben.

Ein Blick auf den Wecker, es ist sechs Uhr dreißig, durch die Ritzen der Holzbaracke dringen bereits die kräftigen Strahlen der karibischen Sonne. Ein neuer Arbeitstag auf der kleinen Palmeninsel Carrie Bow Cay, eine halbe Stunde vor der Küste Belizes gelegen, kann beginnen. Zum Frühstück verwöhnt uns Martha die Köchin der Station mit amerikanischen Pancakes, Ahornsirup, diversen Marmeladen und natürlich vielen frischen tropischen Früchten. Die derzeitige "Besatzung" der Insel besteht aus sechs Wissenschaftlern und dem Manager der biologischen Station. Von der Universität Wien begleitet mich Mag. Bettina Pflugfelder, die vor kurzem ihr Studium mit einer Arbeit über Riesenröhrenwürmer der Tiefsee an der Abteilung Meeresbiologie abgeschlossen hat. Nach dem köstlichen Mahl, folgt die Besprechung des heutigen Arbeitsplans. Am Vormittag wird eine Sammelausfahrt zur einer der benachbarten Mangroven Inseln angesetzt, und der Nachmittag wird für Laborarbeiten genutzt.

Die Tauchausrüstung ist schnell zusammen gestellt und wird in einem alten Schubkarren mühevoll durch den Korallensand bis hin zur kleinen Schiffsanlegestelle geschoben. Eine kurze Kontrolle der Benzinvorräte, Schwimmwesten und Funkgeräte, dann löst Bettina die Taue und wir brausen los. Wir steuern das ca. 8m lange Boot mit Außenbordmotor geradewegs auf die am Horizont sichtbare Insel Twin Cays zu. Die gefährlichen Seichtwasserbereiche des Riffes sind uns bereits bekannt, und somit erreichen wir sicher nach einer Viertelstunde Fahrt die Mangroven Insel. Diese ist durch einen großen natürlichen Kanal in zwei Hälften geteilt und bis auf wenige Fischerhütten, sowie eine Rangerstation, unbewohnt und mit Mangroven Wald bewachsen. Mangrovenbäume können aufgrund spezieller Anpassungen den hohen Salzgehalt in diesem Lebensraum tolerieren, und bilden lange Stelzwurzeln aus um im schlammigen Boden sicheren Halt zu finden. Abgestorbenes Pflanzenmaterial, wie Äste und Blätter, hat im Laufe der Jahre eine meterdicke Torf Schichte angehäuft, die unter Wasser mächtige Steilwände, Überhänge und Höhlen ausbildet. An eben diesen Wänden siedeln die kleinen Wimperntierchen (Ziliaten) die wir besammeln wollen. Wir reduzieren die Geschwindigkeit und schwenken in den Hauptkanal der Insel ein, dessen kurvigen Verlauf wir folgen bis zu einer Kreuzung mit einem Seitenarm. Ein schnelles Manöver und wir haben an einer dicken alten Mangrove festgemacht. Die Tauchausrüstung wird rasch angelegt, denn wenn es sich unter den Moskitos einmal herumgesprochen hat, dass Besucher da sind, kann es ungemütlich werden. Mit allen Sammelutensilien ausgestatten tauchen wir dann behutsam durch seichtes Wasser. Der Boden ist übersäht mit Quallen die alle auf dem Rücken liegen und uns ihre Tentakel entgegenstrecken. Sie tun dies um ihre Symbionten (Algen) gut mit Licht zur Photosynthese zu versorgen. Schließlich lassen wir uns auf unsere Arbeitstiefe 3- 5m absinken, ganz vorsichtig um den schlammigen Untergrund nicht aufzuwirbeln. Eine unachtsame Flossenbewegung und man sieht für die nächsten zehn Minuten die Hand vor Augen nicht mehr. Wir suchen jetzt nach jenen Stellen der Mangroventorfwand an denen geringe Mengen des giftigen Gases Schwefelwasserstoff austreten. Dort siedeln unsere Ziliaten, die von einer Schicht symbiontischer Bakterien bedeckt sind. Diese Bakterien gewinnen ihre Energie aus dem giftigen Schwefel und sind dadurch strahlend weiß. Die auffällige Farbe und die Tatsache, dass die Ciliaten immer in Kolonien um die hundert Individuen auftreten, erleichtern die Aufgabe und nach einer knappen Stunde Arbeit haben wir unsere Behälter beinahe gefüllt.

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Der marine koloniale Ziliat Zoothamnium niveum (Ciliophora, Oligohymenophora). Mangroven über und unter Wasser auf der Insel Twin Cays.

Die besten Sammelstellen sind unter den Überhängen zu finden. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten, da sich eine Fülle von Schwämmen, Seescheiden und Anemonen dort angesiedelt hat. Wobei vor allem die letzteren den Quallen in Punkto schmerzhafter Nesselzellen um nichts nachstehen. Die dunkelsten Stellen der Überhänge und Höhlen meiden wir dennoch. Nicht zuletzt weil wir dabei an die Geschichte des Stations- Managers denken müssen, die von einem Einheimischen erzählt der hier vor Jahren ein Baby Krokodil gefunden haben soll. Auch das biologische Hintergrundwissen, dass die karibischen Vertreter der Krokodile nur eineinhalb Meter lang werden und als nicht angriffslustig gelten, hilft hier wohl wenig, sollte man plötzlich unerwartet in zwei große kalte Augen starren. Aber derweilen ist nichts von Reptilien - Aktivitäten zu bemerken. Dafür stoßen wir auf eine andere Rarität, einen Fledermausfisch. Diese eigentümlichen und mittlerweile sehr seltenen Fische stolzieren auf ihren beinartigen Brustflossen mit hoch erhobenem Haupt über den Boden und vertrauen ganz auf ihre Tarnung. Kurz darauf ein zweiter kleinerer, also ein Fledermausfisch Pärchen wie wir annehmen. Bei der Rückkehr zum Boot werden wir von einem neugierigen Kofferfisch beäugt und sehen noch einige Seespinnen - langbeinige Krustentiere die hier in den Mangroven noch recht häufig sind. Plötzlich ist ein lautes Dröhnen zu hören, ein Motorboot nähert sich! Wir tauchen im Schutz der Mangrovenwurzeln am Rande des Kanals auf und sehen ein einheimisches Fischerboot durch die Mangrovenkanäle jagen, eine Schnurr mit Haken und Köder hinter sich herziehend. Die Insel gehört wie die meisten umliegenden zu einem Naturschutzgebiet. Fischen ist hier natürlich ausnahmslos verboten und zum Sammeln wissenschaftlicher Proben haben wir eine Sondergenehmigung erhalten. Es dauert auch nicht lange und wir sehen das Boot wieder. Diesmal aber im Schlepptau des Rangerbootes, das hier Patrouille zur Überwachung fährt. Der Ranger winkt uns freundlich zu und hinterlässt uns mit dem beruhigenden Gefühl dass das Naturschutzgebiet hier nicht nur auf dem Papier besteht.

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Die tropische Insel Carrie Bow Cay vor Belize in der Karibik.

Einsiedlerkrebse machen sich nachts über die Kokosnuss - Abfälle her.

Kurze Zeit später sind wir schon auf dem Heimweg. Dunkle Wolken brauen sich über unserer "Heimatinsel" Carie Bow Cay zusammen. Wir holen das letzte aus unserem Außenborder und flitzen über die jetzt schon recht hohen Wellen. Denn sollte uns diese tropische Regenfront vor der Insel erreichen, müssen wir stoppen und den Anker werfen. Die Sicht ist dann auf nur wenige Meter beschränkt, was eine Weiterfahrt über die Untiefen des Korallenriffes unmöglich macht. Aber wir haben Glück und erreichen das Dock gerade noch bevor die Sinnflut hernieder bricht. Wir versorgen die gesammelten Proben und die Tauchutensilien und folgen dem guten Duft aus der Küche, denn Ziliaten zu "jagen" macht Appetit!

Am Nachmittag werden die Ziliaten teils für mikroskopische Untersuchungen im Labor in Wien vorbehandelt, teils in ein automatisiertes Durchflußsystem eingesetzt. Dieses System wurde mit unserem Kooperationspartner aus den USA - Prof. Raymond Lee - entwicklet, um die Ziliaten - Bakterien - Symbiose zu züchten. Denn das zentrale Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es, den Lebenszyklus der Symbiose und die Erhaltung und Spezifität des mikrobiellen Partners zu untersuchen. Dazu werden "natürliche" Bedinungen exakt in einem Durchflußsystem simuliert.

Am Ende des Arbeitstages öffnen wir ein paar frische Kokosnüsse um die Kokosmilch pur oder mit einem Schuss einheimischen Rum zu genießen. Dabei wird noch bis spät in die Nacht über wissenschaftliche Methoden, sowie Gott und die Welt diskutiert. Schlußendlich begeben wir uns im Schein des Mondes in unsere Unterkunft. Angesichts der Scharen von Einsiedlerkrebsen die die Insel nach freßbarem absuchen, ein gar nicht so einfaches Unterfangen. Das Rauschen der Wellen wiegt uns sodann schnell in einen tiefen Schlaf, denn Morgen warten wieder viele interessante Aufgaben auf uns.


Der Aufenthalt an der Biologischen Station auf Carrie Bow Cay, Belize, wurde vom CCRE Programm des Museums of Natural History, Smithsonian Institution (Washington, D.C., USA) gefördert.


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