Im Rahmen meiner Dissertation über das Wimperntierchen Zoothamnium niveum
(Ciliata) an der Abteilung Meeresbiologie konnte ich im Sommer 2003
eine dreiwöchige Forschungsreise in die Karibik unternehmen. Der
folgende Tagebuch Auszug soll eine Vorstellung vom Forscherleben auf
einem kleinen Eiland in den Tropen geben.
Ein
Blick auf den Wecker, es ist sechs Uhr dreißig, durch die Ritzen der
Holzbaracke dringen bereits die kräftigen Strahlen der karibischen
Sonne. Ein neuer Arbeitstag auf der kleinen Palmeninsel Carrie Bow Cay,
eine halbe Stunde vor der Küste Belizes gelegen, kann beginnen. Zum
Frühstück verwöhnt uns Martha die Köchin der Station mit amerikanischen
Pancakes, Ahornsirup, diversen Marmeladen und natürlich vielen frischen
tropischen Früchten. Die derzeitige "Besatzung" der Insel besteht aus
sechs Wissenschaftlern und dem Manager der biologischen Station. Von
der Universität Wien begleitet mich Mag. Bettina Pflugfelder, die vor
kurzem ihr Studium mit einer Arbeit über Riesenröhrenwürmer der Tiefsee
an der Abteilung Meeresbiologie abgeschlossen hat. Nach dem köstlichen
Mahl, folgt die Besprechung des heutigen Arbeitsplans. Am Vormittag
wird eine Sammelausfahrt zur einer der benachbarten Mangroven Inseln
angesetzt, und der Nachmittag wird für Laborarbeiten genutzt.
Die
Tauchausrüstung ist schnell zusammen gestellt und wird in einem alten
Schubkarren mühevoll durch den Korallensand bis hin zur kleinen
Schiffsanlegestelle geschoben. Eine kurze Kontrolle der Benzinvorräte,
Schwimmwesten und Funkgeräte, dann löst Bettina die Taue und wir
brausen los. Wir steuern das ca. 8m lange Boot mit Außenbordmotor
geradewegs auf die am Horizont sichtbare Insel Twin Cays zu. Die
gefährlichen Seichtwasserbereiche des Riffes sind uns bereits bekannt,
und somit erreichen wir sicher nach einer Viertelstunde Fahrt die
Mangroven Insel. Diese ist durch einen großen natürlichen Kanal in zwei
Hälften geteilt und bis auf wenige Fischerhütten, sowie eine
Rangerstation, unbewohnt und mit Mangroven Wald bewachsen.
Mangrovenbäume können aufgrund spezieller Anpassungen den hohen
Salzgehalt in diesem Lebensraum tolerieren, und bilden lange
Stelzwurzeln aus um im schlammigen Boden sicheren Halt zu finden.
Abgestorbenes Pflanzenmaterial, wie Äste und Blätter, hat im Laufe der
Jahre eine meterdicke Torf Schichte angehäuft, die unter Wasser
mächtige Steilwände, Überhänge und Höhlen ausbildet. An eben diesen
Wänden siedeln die kleinen Wimperntierchen (Ziliaten) die wir besammeln
wollen. Wir reduzieren die Geschwindigkeit und schwenken in den
Hauptkanal der Insel ein, dessen kurvigen Verlauf wir folgen bis zu
einer Kreuzung mit einem Seitenarm. Ein schnelles Manöver und wir haben
an einer dicken alten Mangrove festgemacht. Die Tauchausrüstung wird
rasch angelegt, denn wenn es sich unter den Moskitos einmal
herumgesprochen hat, dass Besucher da sind, kann es ungemütlich werden.
Mit allen Sammelutensilien ausgestatten tauchen wir dann behutsam durch
seichtes Wasser. Der Boden ist übersäht mit Quallen die alle auf dem
Rücken liegen und uns ihre Tentakel entgegenstrecken. Sie tun dies um
ihre Symbionten (Algen) gut mit Licht zur Photosynthese zu versorgen.
Schließlich lassen wir uns auf unsere Arbeitstiefe 3- 5m absinken, ganz
vorsichtig um den schlammigen Untergrund nicht aufzuwirbeln. Eine
unachtsame Flossenbewegung und man sieht für die nächsten zehn Minuten
die Hand vor Augen nicht mehr. Wir suchen jetzt nach jenen Stellen der
Mangroventorfwand an denen geringe Mengen des giftigen Gases
Schwefelwasserstoff austreten. Dort siedeln unsere Ziliaten, die von
einer Schicht symbiontischer Bakterien bedeckt sind. Diese Bakterien
gewinnen ihre Energie aus dem giftigen Schwefel und sind dadurch
strahlend weiß. Die auffällige Farbe und die Tatsache, dass die
Ciliaten immer in Kolonien um die hundert Individuen auftreten,
erleichtern die Aufgabe und nach einer knappen Stunde Arbeit haben wir
unsere Behälter beinahe gefüllt.
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Der marine koloniale Ziliat Zoothamnium niveum (Ciliophora, Oligohymenophora).
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Mangroven über und unter Wasser auf der Insel Twin Cays. |
Die
besten Sammelstellen sind unter den Überhängen zu finden. Dabei ist
allerdings Vorsicht geboten, da sich eine Fülle von Schwämmen,
Seescheiden und Anemonen dort angesiedelt hat. Wobei vor allem die
letzteren den Quallen in Punkto schmerzhafter Nesselzellen um nichts
nachstehen. Die dunkelsten Stellen der Überhänge und Höhlen meiden wir
dennoch. Nicht zuletzt weil wir dabei an die Geschichte des Stations-
Managers denken müssen, die von einem Einheimischen erzählt der hier
vor Jahren ein Baby Krokodil gefunden haben soll. Auch das biologische
Hintergrundwissen, dass die karibischen Vertreter der Krokodile nur
eineinhalb Meter lang werden und als nicht angriffslustig gelten, hilft
hier wohl wenig, sollte man plötzlich unerwartet in zwei große kalte
Augen starren. Aber derweilen ist nichts von Reptilien - Aktivitäten zu
bemerken. Dafür stoßen wir auf eine andere Rarität, einen
Fledermausfisch. Diese eigentümlichen und mittlerweile sehr seltenen
Fische stolzieren auf ihren beinartigen Brustflossen mit hoch erhobenem
Haupt über den Boden und vertrauen ganz auf ihre Tarnung. Kurz darauf
ein zweiter kleinerer, also ein Fledermausfisch Pärchen wie wir
annehmen. Bei der Rückkehr zum Boot werden wir von einem neugierigen
Kofferfisch beäugt und sehen noch einige Seespinnen - langbeinige
Krustentiere die hier in den Mangroven noch recht häufig sind.
Plötzlich ist ein lautes Dröhnen zu hören, ein Motorboot nähert sich!
Wir tauchen im Schutz der Mangrovenwurzeln am Rande des Kanals auf und
sehen ein einheimisches Fischerboot durch die Mangrovenkanäle jagen,
eine Schnurr mit Haken und Köder hinter sich herziehend. Die Insel
gehört wie die meisten umliegenden zu einem Naturschutzgebiet. Fischen
ist hier natürlich ausnahmslos verboten und zum Sammeln
wissenschaftlicher Proben haben wir eine Sondergenehmigung erhalten. Es
dauert auch nicht lange und wir sehen das Boot wieder. Diesmal aber im
Schlepptau des Rangerbootes, das hier Patrouille zur Überwachung fährt.
Der Ranger winkt uns freundlich zu und hinterlässt uns mit dem
beruhigenden Gefühl dass das Naturschutzgebiet hier nicht nur auf dem
Papier besteht.
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Die tropische Insel Carrie Bow Cay vor Belize in der Karibik.
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Einsiedlerkrebse machen sich nachts über die Kokosnuss - Abfälle her. |
Kurze
Zeit später sind wir schon auf dem Heimweg. Dunkle Wolken brauen sich
über unserer "Heimatinsel" Carie Bow Cay zusammen. Wir holen das letzte
aus unserem Außenborder und flitzen über die jetzt schon recht hohen
Wellen. Denn sollte uns diese tropische Regenfront vor der Insel
erreichen, müssen wir stoppen und den Anker werfen. Die Sicht ist dann
auf nur wenige Meter beschränkt, was eine Weiterfahrt über die Untiefen
des Korallenriffes unmöglich macht. Aber wir haben Glück und erreichen
das Dock gerade noch bevor die Sinnflut hernieder bricht. Wir versorgen
die gesammelten Proben und die Tauchutensilien und folgen dem guten
Duft aus der Küche, denn Ziliaten zu "jagen" macht Appetit!
Am
Nachmittag werden die Ziliaten teils für mikroskopische Untersuchungen
im Labor in Wien vorbehandelt, teils in ein automatisiertes
Durchflußsystem eingesetzt. Dieses System wurde mit unserem
Kooperationspartner aus den USA - Prof. Raymond Lee - entwicklet, um
die Ziliaten - Bakterien - Symbiose zu züchten. Denn das zentrale Ziel
dieses Forschungsvorhabens ist es, den Lebenszyklus der Symbiose und
die Erhaltung und Spezifität des mikrobiellen Partners zu untersuchen.
Dazu werden "natürliche" Bedinungen exakt in einem Durchflußsystem
simuliert.
Am Ende des Arbeitstages öffnen wir ein
paar frische Kokosnüsse um die Kokosmilch pur oder mit einem Schuss
einheimischen Rum zu genießen. Dabei wird noch bis spät in die Nacht
über wissenschaftliche Methoden, sowie Gott und die Welt diskutiert.
Schlußendlich begeben wir uns im Schein des Mondes in unsere
Unterkunft. Angesichts der Scharen von Einsiedlerkrebsen die die Insel
nach freßbarem absuchen, ein gar nicht so einfaches Unterfangen. Das
Rauschen der Wellen wiegt uns sodann schnell in einen tiefen Schlaf,
denn Morgen warten wieder viele interessante Aufgaben auf uns.
Der
Aufenthalt an der Biologischen Station auf Carrie Bow Cay, Belize,
wurde vom CCRE Programm des Museums of Natural History, Smithsonian
Institution (Washington, D.C., USA) gefördert.
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