ADRIA - Bilder aus einer fremden Welt

Nach einem ProMare Vortrag von Gerwin Gretschel, 01.03.2002


















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Ein pädagogisch wertvoller Lebensraum

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Die Stabilität des Ökosystems Meer verbunden mit seinen idealen Transporteigenschaften haben über hunderte Millionen Jahre alle nur denkbaren Lebensformen und Lebensgemeinschaften entstehen lassen, während am Festland die Zyklen des Lebens immer wieder durch kleine und größere Katastrophen unterbrochen wurden.
Wie sonst in keinem anderen Ökosystem lassen sich die Lebensgemeinschaften der Meere mit nur wenigen biotischen und abiotischen Faktoren wie zum Beispiel Licht, Wasserbewegung, Temperatur, Raumkonkurrenz etc. recht anschaulich beschreiben. Aus diesem Grund und weil im Meer fast überall Vertreter aus allen Tierstämmen anzutreffen sind, ist das Meer ein beliebtes Studienobjekt für Schulen und Universitäten. Wir müssen nicht ferne Ozeane bereisen um jene faszinierenden Lebensräume zu studieren. Die Adria bietet uns alles was für einen anschaulichen Unterricht nötig ist. Dieses Meer ist schon seit Jahrzehnten das Betätigungsfeld österreichischer Meeresbiologen. Die breite Öffentlichkeit konnte aber leider noch nicht ausreichend für die Besonderheiten jenes Meerestyps sensibilisiert werden.


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Ein fremder Lebensraum

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Für uns Menschen erscheint der Lebensraum Meer fremd weil unsere Respirationsorgane an das Atmen von Luft angepasst sind und unsere Sinne an deren physikalische Eigenschaften. Erst die Entwicklung von Tauchgeräten ermöglichte uns auch unter Wasser atmen zu können und diese für uns fremde Welt wieder neu zu erkunden. Die anfängliche Begeisterung für alles Lebendige unter Wasser wird immer mehr vom gierigen Tauchtourismus abgelöst. Unter Wasser zählen oft nur mehr die steilsten Steilhänge, die tiefsten Tiefen, die größten Fische und die giftigsten Tiere.
Leider haben wir Menschen verlernt die Natur um uns zu beobachten. Meist fehlen uns dazu die Zeit, das Geld und die Ruhe. Wir haben verlernt zu erkennen ob ein Lebensraum aus seinem natürlichen Gleichgewicht geraten ist oder nicht. Die Stütze durch die Wissenschaft geht in dieser Disziplin ebenfalls langsam verloren weil Ökologen und Systematiker immer mehr anderen finanziell gewinnbringenderen Wissenschaftsdisziplinen weichen müssen.


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Die Adria - Wie gut kennen wir sie wirklich?

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So haben wir auch verlernt die Schönheiten und Kostbarkeiten unseres "Hausmeeres" - der Adria - zu erkennen und zu schätzen. Dieses Meer war für uns Mitteleuropäer seit jeher nicht mehr als eine "Badewanne". Die ersten Badestrände wurden schon früh entlang der italienischen Adria von uns heimgesucht. Erst viel später wurde uns auch die felsige Küste Dalmatiens zugänglich. Obwohl deren durch Biokorrosion stark zerklüftete Kalkfelsen für unsere verwöhnten Füße mühsam sind und der Algenaufwuchs unter Wasser für die meisten Badegäste als lästig empfunden wird übt die abwechslungsreiche Küstenlandschaft mit ihren zahlreichen Inseln und steil abfallenden Klippen eine gewisse Faszination auf uns aus.

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Steilküste (Insel Mana) im Nationalpark Kornati

Sonnenuntergangsstimmung über der Inselwelt der Kornaten

Leider stößt man als Biologe bei Touristen wie auch bei Einheimischen auf große Unkenntnis wenn es um die Welt unter dem Wasserspiegel geht. Die Einen betrachten sie als eine willkommene Abkühlung und die anderen als eine unerschöpfliche Ressource an Nahrungsmitteln. Die Werbeindustrie tut ihr übriges um uns ein komplett falsches Bild von diesem Lebensraum zu vermitteln. In Naturdokumentationen und Tauchberichten werden hauptsächlich tropische Gewässer mit üppigen und bunten Korallenriffen gezeigt. Immer wieder entdeckt man im Werbematerial von Tauchbasen und touristischen Anlagen an der Adria Unterwasserbilder mit Korallenbänken und tropischen Fischen. Und wer kennt nicht die zahlreichen Verkaufsläden in romantischen Küstenstädten wo ausschließlich tropische Muschel- und Schneckenschalen, Korallenskelette, Igelfische, Seepferdchen und Schwämme aus der Südsee verkauft werden?


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Das Mittelmeer - Ein besonderer Meerestyp

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Es bedarf noch viel Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit, um das falsche Bild wieder zurechtzurücken, das uns über das Mittelmeer von den Medien vermittelt wird. Jeder Schnorchler der in Erwartung von Korallenriffen und bunten Fischschwärmen an den Küsten der Adria taucht wird fürchterlich enttäuscht sein. Wo sind die bunten Farben, bizarre Schnecken und Muscheln und prächtigen Schwämme und Seesterne? Auf den ersten Blick sieht man bloß eintönige Sandböden, grünbraune Algenwälder, endlose Seegraswiesen und schroffe Felslandschaften. Die meisten Taucher resignieren bald und begnügen sich mit letzterem. "Dort findet man wenigstens tolle Steilhänge, Arkaden, Torbögen und Höhlen zum rauf- ,runter- und durchtauchen." Vor allem die nördliche Adria scheint für den Laien farblos und leer zu sein, nachdem er sich zuvor in zahlreichen Bildbestimmungsbüchern über Fauna und Flora des Mittelmeeres auf seinen Meeresurlaub vorbereitet hat. Wo sind nun diese tollen bunten Nacktschnecken, bizarren Fische und Krebse? Es gibt sie beinahe überall in der Adria. Jedoch nur der geübte und geduldige Naturfreund wird sie finden.

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Zwei Nacktschnecken (Crataena peregrina) "beweiden" die Polypen einer Hydrozoe

Dieser Schleimfisch (Lipophrys nigriceps) ist ein typischer Bewohner des Deckenbereichs von Höhlen und Überhängen - das Bild muß eigentlich um 180° gedreht werden

Das Mittelmeer ist ein Nebenmeer mit starkem Verdunstungsüberschuss. Wenig nährstoffarmes Oberflächenwasser kommt vom Atlantik über die Gibraltarschwelle und viel nährstoffhaltiges Tiefenwasser strömt gleichzeitig über die Gibraltarschwelle als gigantischer "Wasserfall unter Wasser" aus dem Mittelmeer in den Atlantik. Deshalb entsteht für das Mittelmeer ein ständiger Nährstoffverlust, der einen oligotrophen Charakter dieses interkontinentalen Meeres verursacht. Höhere Nährstoffkonzentrationen kommen nur im Einflussbereich größerer Flüsse vor (Rhone, Po). Wegen des Po ist die Adria der nährstoffreichste Nebenast des Mittelmeeres.
Der oligotrophe Charakter führt paradoxerweise zu einer extremen Artenvielfalt. Phytoplankton und alle anderen Lebewesen innerhalb der darauffolgenden Nahrungskette leiden unter dem Nährstoffmangel. Es konnte keiner einzelnen Art gelingen in der Gemeinschaft eines Lebensraumes zu dominieren. Jede einzelne ökologische Nische wurde besetzt. Es entstanden außerordentlich viele Lebensformen die auch eine entsprechende Vielfalt weiter oben in der Nahrungskette (z.B.: Fische) nach sich zogen.
Die Gewässer der Adria sind in räumlicher und in zeitlicher Hinsicht sehr dynamisch. Viele ökologische Nischen eröffnen sich nicht nur durch die extrem stark räumlich strukturierte felsige Küste sondern der jährliche Klimawechsel von Sommer-heiß-trocken bis Winter-feucht-gemäßigt, der den Wasserkörper dieses Meeres mal durchmischt bis in größte Tiefen und dann wieder in stabile horizontale Schichten aufteilt, verursacht jedes Jahr wechselnde ökologische Bedingungen, die noch zusätzlich zur hohen Artenvielfalt beitragen. Eine Sammelprobe an Organismen aus der Adria bringt selbst für Wissenschaftler immer wieder neue Überraschungen.


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Algen statt Korallen

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In tropischen Meeren bleibt die Temperatur das ganze Jahr über konstant hoch. Es bildet sich eine thermische Sprungschicht die das Tiefenwasser von oberflächennahen Wasserschichten abkoppelt. Totes tierisches und pflanzliches Material sinkt zu Boden und wird dort von Mikroorganismen zu gelösten anorganischen Stoffen abgebaut, die den Produzenten des Meeres (Algen) als Nährstoffe dienen. Die lichtdurchfluteten oberen Wasserschichten der tropischen Meere zeichnen sich also durch hohe Temperatur und Nährstoffarmut aus. Das ist die Domäne der Korallen. Bei konstant hohen Temperaturen finden sie ideale Lebensbedingungen und sie brauchen keinen Konkurrenzdruck durch Algen zu befürchten, da die Pflanzen nur wenige Nährstoffe in den oberen Wasserschichten vorfinden.
Die Situation im Mittelmeer ist grundlegend anders: Während des Winters kühlt das Oberflächenwasser stark ab und sinkt dann aufgrund seiner nun höheren Dichte ab. Die thermische Sprungschicht, die sich während des Sommers aufgebaut hat wird, nun durchbrochen und der ganze Wasserkörper wird durchmischt. So gelangt nährstoffreiches Tiefenwasser auch in oberflächennahe Wasserschichten. Zusammen mit dem Licht finden nun Algen ideale Wachstumsbedingungen. Sie können als Pflanzen die wohl potenteste irdische Energiequelle - das Sonnenlicht - nutzen. Damit sind sie erbitterte Raumkonkurrenten der sessilen Tiere des Meeres, da sie viel höhere Wachstumsraten erreichen. In lichtdurchfluteten Zonen des Mittelmeeres werden immer die Pflanzen dominieren. Auf Felsböden wachsen Algen und auf Sedimentböden finden wir Seegraswiesen.
Lassen wir uns nicht täuschen durch den äußerlich monotonen Anblick eines Algenwaldes oder einer Seegraswiese. Diese Biotope brauchen einen Vergleich mit Korallenriffen, was die Artenvielfalt und die Faszination betrifft, nicht zu scheuen. Ihre Kostbarkeiten liegen im kleinen Detail verborgen und entziehen sich den Blicken des ungeschulten Betrachters.
Auch in der Adria findet man tropisch anmutende Szenarien. An den tieferen Steilwänden wo das Licht zu gering ist für übermäßigen Pflanzenwuchs geben, ähnlich wie in den tropischen Riffen in höheren Wasserschichten, die farbenprächtigen Tiere den Ton an. Die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft ist hier allerdings anders. Ins Auge stechen vor allem Gorgonien (biegsame Korallen aus der Gruppe der Hornkorallen), bunte verkalkte Gebilde von Moostierchenkolonien, die oft mit Korallen verwechselt werden und bunte Schwämme. Je nach Tiefe, Licht und Strömungsverhältnissen sind die Anteile dieser Gruppen unterschiedlich.

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Ein Mittelmeerhaarstern (Antedon mediterranea) benutzt eine Gorgonie, um seine Filtereffizienz zu erhöhen.

Die falsche Edelkoralle (Paraerythropodium coralloides) überwächst eine gelbe Gorgonie (Eunicella cavolinii) und benutzt ihr Hornskelett als Hartsubstrat.

Die Bewohner von Algen -und Seegraswäldern sind viel kleiner als die von Korallenriffen. Ständig wechselnde Bedingungen zwingen sie zu kurzen Lebenszyklen. Sie müssen bald zur Geschlechtsreife gelangen und danach trachten, sich schnell zu reproduzieren, bevor das Szenarium in dem sie leben wieder wechselt. Der Aufbau einer größeren Körpermasse würde zu lange dauern und damit den Fortbestand der Art unter ständig wechselnden Bedingungen gefährden. Es spielt sich alles in der Dimension von Millimetern bis wenigen Zentimetern ab. Die räumlichen Strukturen dieser Lebensräume werden vor allem durch Pflanzen gebildet, während die äußeren Strukturen von Korallenriffen vor allem durch Korallen in Erscheinung treten. Letztere sind weit farbenprächtiger und damit sind ihre Bewohner, die sich darin verbergen ebenfalls farbenprächtiger um sich optisch vor ihrem Hintergrund besser aufzulösen.


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Verborgene Welten - Bizarre Lebensformen zwischen Algen

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Wenn wir die Unterwasserlandschaft der seichten Felsböden wie mit einem Zeitraffer betrachten könnten würden wir einen erstaunlichen Wandel während eines Jahres erkennen. Einmal sind die Algenwälder mit einem zarten roten Schleier bedeckt und wenige Wochen später wieder kräftig grün. Einmal herrschen feine, fädige und zarte Strukturen vor und ein anderes Mal wieder derbe lappige. Struktur, Farbe, Dichte und Höhe des Algenbewuchses ändern sich ständig. Man könnte meinen, es gibt auch unter Wasser Jahreszeiten, die das Erscheinungsbild der Algenwälder ändern, ähnlich wie es an Land in einem Laubwald geschieht. Tatsächlich ist dieser Wandel unter Wasser sogar noch stärker ausgeprägt, weil hier die Pflanzen, anders als an Land, nicht nebeneinander wachsen sondern auch übereinander. Die Nährstoffe sind überall im Wasser und nicht im Boden. Sie werden durch die Blätter und nicht von wurzelartigen Organen aufgenommen. Der Boden besteht im Falle der Algenwälder bloß aus Fels und dient den Pflanzen nur als fester Grund zum sich verankern. Deshalb haben Algen nie feine Wurzelsysteme entwickelt wie die Landpflanzen sondern derbe Haftorgane. Algen haben also nicht unbedingt das Bestreben den Boden zu erreichen, sie brauchen bloß irgendeinen stabilen Untergrund. Warum dann nicht einfach auf einer anderen Alge aufwachsen, die bereits Fuß gefasst hat ?! Tatsächlich wachsen Algen auf allem, was nur stabil genug ist. Hauptsache es gibt genug Licht und Wasserbewegung, die Nährstoffe herantransportiert.
In dem üppigen Dickicht aus übereinanderwachsenden Algen existiert ein fantastischer Mikrokosmos mit den bizarrsten Lebensformen die man sich vorstellen kann. Hier gibt es alles was man sonst auch im Meer finden kann: Schnecken, Muscheln, Seesterne, Seegurken, Medusen, Polypen, Fische, Krebse, Korallen, Schwämme, Moostierchen etc. Aber alles im Miniaturformat und in den seltsamsten Abwandlungen:
Muscheln können hier klettern. Sie graben sich nicht mit ihrem Fuß in den Sedimentboden, wie wir es kennen, sondern sie klettern behände auf den feinen Ästchen der Algen umher. Sie gehören zu den Filtrierern, die ihre Nahrung aus dem Wasser sieben. Eingegraben sind sie üblicherweise nur zum Schutz. Im dichten Filz aus übereinanderwachsenden Algen sind sie auch ausreichend geschützt.
Es gibt Schnecken, die sich an selbst erzeugten Schleimfäden abseilen können. So gelangen sie bequem in die tieferen Etagen des Algenwaldes ohne von der Brandung fortgeschwemmt zu werden.
Seesterne und Seegurken, deren größere Verwandten wir sonst nur am Boden kriechend kennen, können ebenfalls auf den Zweigen der großen Braunalgen klettern.
Eine Armee von Kleinkrebsen krabbelt im Geäst umher. Viele haben in Anpassung an ihre jeweils besondere Lebensweise utopische Formen entwickelt. Während die einen in selbstgewebten Wohnröhren sitzen und filtrieren, gehen die anderen auf Weidegang und fressen mikroskopisch kleine Aufwuchsalgen. Unter den Krebsen gibt es auch Räuber, die in Gestalt und Färbung exakt an ihre Umgebung angepasst sind und bewegungslos auf Beute lauern. Ihren stark bedornten Fangklauen kann nichts entkommen, was einmal gepackt wurde.

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Bei der sogenannten "Präkopula" klammert sich ein Flohkrebsmännchen an das Weibchen und wartet dessen Reifehäutung ab.

Ein Gespensterkrebs lauert im dichten "Geäst" einer Braunalge auf Beute - Gottesanbeterinnen wenden an Land die gleiche Jagdstrategie an.

Es gibt Würmer, sogenannte Vielborster (Polychaeta), die ebenfalls räuberisch leben. Sie haben in ihrem Schlund zwei gewaltige zangenförmige Kiefer, die sie ausstülpen können um die Beute zu ergreifen.
Winzige Medusenarten, die im Algenwald leben schwimmen nicht umher, wie wir es von den Quallen im freien Wasser kennen. Sie klettern mit ihren Tentakeln und überwältigen noch kleinere Krebse.
Unzählige Tiere sehen selbst aus wie Pflanzen und verankern sich mit wurzelartigen Ausläufern auf allem was stabil genug ist. Sie haben sich das Transportmedium Wasser zunutze gemacht und lassen sich die Nahrung von Meer heranbringen und ihre Ausscheidungen wieder abtransportieren. Durch die festsitzende Lebensweise können sie auf komplizierte Bewegungsorgane und die dafür nötigen nervösen und sensorischen Organe, für deren Aufbau und Betrieb viel Energie notwendig ist, verzichten. Allerdings können sie von Räubern leicht überwältigt werden, da sie nicht fliehen können. Aus diesem Grund produzieren viele sessile Tiere fraßhemmende Stoffe oder erzeugen verschließbare Gehäuse, in die sie sich bei Gefahr zurückziehen können. Viele Räuber, die es ihrerseits geschafft haben Mechanismen zu entwickeln um diese Schutzmaßnahmen zu übwinden, haben keine Mühe ihrer Beute nachzustellen. So entwickelten sich viele Schnecken des Meeres, die ja bekanntermaßen nicht gerade zur schnellsten Tiergruppe gehören, zu Räuber auf festsitzende Tiere.
Warum ist diese Welt für uns so leicht zu übersehen ? Die Organismen die darin leben sind sehr klein. Es handelt sich um durchwegs kurzlebige Formen, die daher keine höhere Körpermasse erreichen können. Sie sind gezwungen, mit dem ständigen Wandel, dem die Algenwälder unterworfen sind zu leben. Die Bewohner dieser Algenwälder haben meist eine perfekte Tarnung und viele festgewachsene Tiere haben selbst ein Aussehen wie Pflanzen. Das Leben spielt sich vor allem im Unterwuchs des Algenwaldes ab.
Die Bestandsbildner jener Wälder unter dem Meeresspiegel sind sogenannte Makrophyten. Das sind großwüchsige meist mehrjährige Braunalgen die extrem lichtbedürftig sind und oft massige Thalli ausbilden. Dieser Typ von Braunalge wird auch als Tang bezeichnet. Die Gattung Cystoseira ist auf Felsen des seichten Sublitoral in der ganzen Adria dominierend. Derartige Algenwälder sind Biotope mit extrem hoher struktureller Komplexität. Analog zu einem terrestrischen Wald bilden sich hier typische Schichten aus. Licht und Wasserbewegung ändern sich je tiefer man in den Algenwald eindringt. Man unterscheidet eine hohe und niedere Strauchschicht von einer Polster- und Krustenschicht. Diese Algenwälder sind idealer Besiedelungsraum für pflanzliche und tierische Epiphyten wegen der starken Wasserbewegung, die im seichten Sublitoral üblich ist, wegen der riesigen Besiedelungsoberfläche der stark strukturierten Trägeralgen und wegen der guten Lichtverhältnisse in den oberen Wasserschichten. Die Thalli der Brauntange wachsen an der Spitze weiter und nicht an der Basis. Dadurch sind bereits bestehende Besiedelungsflächen ortstabil. Aus diesem Grund sind diese Algen wahre Weltmeister in Sachen Aufwuchs. Sie werden von anderen Algen aller Klassen und allen möglichen sessilen Tieren besiedelt. Die Trägeralge Cystoseira ist bis in den Sommer so stark überwuchert, dass sie selbst überhaupt nicht mehr erkennbar ist. Jetzt ist für die Brauntange der Zeitpunkt gekommen "das Handtuch zu werfen". Durch den starken Aufwuchs können sie keine Photosynthese und auch keinen Stoffaustausch mit dem umgebenden Medium mehr betreiben. Sie ziehen alle gespeicherten Reservestoffe aus ihren feinen Ästchen in ihre dicken Hauptstämme oder, je nach Art, in ihre Haftorgane mit denen sie am Fels verankert sind, zurück und werfen alle Seitenzweige mitsamt dem ganzen Aufwuchs ab. Übrig bleiben nur mehr die bürstenartig bewachsenen Hauptstämme oder bei einigen Arten überhaupt nur mehr die sogenannte Basalscheibe am Boden.
Mit einem mal hat sich das Bild der seichten Felsböden dramatisch geändert. Das bizarre Treiben im dichten Algenwald weicht einer gähnenden Leere in der nur noch vereinzelte sogenannte "Flaschenbürsten" als Überreste der üppigen Brauntange sich in der Brandung wiegen. Man könnte meinen, dass die unzähligen kleinen Aufwuchsalgen die größeren Brauntange in die Knie gezwungen haben. Doch wer die Gesetze der Natur kennt, der weis dass im System des Ganzen nie einer der Stärkere und ein anderer der Schwächere ist sondern dass alle ihren Platz im Ökosystem einnehmen an dem sie optimal angepasst sind.
Welche Strategie verfolgen nun die Brauntange mit dem Abwurf ihrer Zweige ? Als langlebige Algen mit ihren massigen Körpern müssen sich diese größeren ortsstabilen Pflanzen wohl damit abfinden, dass sie von kurzlebigen "vagabundierenden" Aufwuchsalgen als Untergrund zum Siedeln benützt werden. Was haben nun die Braunalgen selbst von ihrer massigen Wuchsform ?
Das Element Kohlenstoff ist der Grundbaustein für alle organischen Moleküle. Nur Pflanzen können Kohlenstoff aus dem Kohlendioxid der Luft und des Wassers mit Hilfe des Sonnenlichtes isolieren und daraus mehr oder weniger lange Ketten erzeugen. Erst durch Hinzufügen von anderen Elementen wie Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor etc. entstehen nun alle Materialien aus denen Lebewesen aufgebaut sind. Besonders während der kalten Jahreszeit ist der Wasserkörper des Mittelmeeres auf Grund der bereits erwähnten Durchmischungsvorgänge reich an solchen Stoffen, die die Nahrung der Pflanzen bedeuten. Nur etwas fehlt zu dieser Zeit im Wasser. Die Sonneneinstrahlung ist im Winter zu gering, dass die Meeresalgen genügend Photosynthese betreiben können um so viel Kohlenstoffgrundsubstanz zu erzeugen, dass sie all die anderen Elemente, die nun zur Genüge im Wasser vorhanden wären, zum Aufbau von organischen Moleküle nutzen könnten. Jetzt ist die Zeit der Brauntange angebrochen. Sie haben in ihren massigen Körpern, in ihren dicken Hauptstämmen und in ihren Basalscheiben viel Kohlenstoff in Form von sogenannten Reservestoffen gespeichert. Mit Hilfe dieser gespeicherten Grundbausteine können sie nun auch ohne viel Sonnenlicht die im Wasser vorhandenen Zusatzstoffe nutzen und neue Körpermasse aufbauen.
In den Wintermonaten wachsen nun die großen Brauntange ohne Konkurrenzdruck durch kleine Aufwuchsalgen kräftig an. Sofort beginnt wieder der Einzug unzähliger Tierarten in diese neu geschaffenen Wohnstrukturen und erfüllt diesen wertvollen Lebensraum mit neuem Leben.
Die Vagilfauna (frei bewegliche Tiere) ist in diesen Algenwäldern extrem vielfältig und hat oft fantastische Farben und Formen entwickelt. Es handelt sich hier um ein eigenes Ökosystem mit allen dazugehörenden Komponenten auf engstem Raum: Weidegänger (Pflanzenfresser), Räuber, Filtrierer und Depositfresser (fressen totes Pflanzen -und Tiermaterial).
Die Brauntange mit ihrem pflanzlichen und tierischen Aufwuchs ergeben einen hochstrukturierten Lebensraum, der einen der Artenreichsten des ganzen Mittelmeeres darstellt. Man nennt ihn Algenphytal. Er ist von enormer ökologischer Bedeutung für das Gesamtökosystem Meer. Auf den Algen siedeln eine Armee von Filtrierern. Zusammen mit der Filterwirkung des Algenwaldes könnte man das Algenphytal als Riesenstaubsauger bezeichnen der für die Reinigung der Küstengewässer von enormer Wichtigkeit ist.
Im Algenphytal sind beinahe alle Tierstämme vertreten, die wir aus dem Meer kennen. Viele verbringen ihr ganzes Leben dort oder sind nur Gäste während eines bestimmten Entwicklungsstadiums. Die Enorme Vielfalt an Kleintieren ist eine wesentliche Nahrungsquelle für alle Tiere, die weiter oben in der Nahrungskette kommen. Letztendlich ist der Fischreichtum an den Küsten der Adria unmittelbar abhängig von diesem Lebensraum.


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Wie lernen wir die Adria besser kennen?

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Vor allem die Nordadria ist durch ihre geringe Tiefe und die zahlreichen Süßwasserzuflüsse besonders starken jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Organismen die hier leben sind meist noch eine Dimension kleiner als üblich und leben noch verborgener.
Nehmen Sie sich bei ihrem nächsten Ausflug zur Adria Zeit beim Beobachten und sehen Sie ins Detail. Begreifen Sie die Unterwasserwelt mit Ihren Händen. Tasten Sie über algenbewachsene Felsen um Tiere aufzuscheuchen, die bewegungslos oder perfekt getarnt optisch mit ihrem Untergrund verschmelzen. Biegen Sie großwüchsige Algen vorsichtig zur Seite und beobachten Sie das Leben im lichtgeschützten Unterwuchs. Nehmen Sie einen kleinen Kescher und ein verschließbares Glas bei Ihren Schnorchelausflügen mit und streifen Sie mit dem Netz über verschiedene Bodentypen. Viel interessantes Getier wird Ihnen auf diese Art zugänglich werden. Legen Sie einen bewachsenen Stein oder eine Alge in eine Schüssel mit Meereswasser und betrachten Sie es in Ruhe mit einer Lupe. Achten Sie dabei darauf, dass sich das Wasser nicht zu stark erwärmt. Seien Sie ein Vorbild für Andere und bringen Sie alles lebendige das Sie sammeln wieder an die Stelle ins Meer zurück, wo Sie es entnommen haben.
Farben sind in den oft nicht ganz klaren Küstengewässern schon nach kurzen Distanzen und in sehr geringer Tiefe nicht mehr zu sehen. In Tauchgeschäften bekommen Sie schon ab 20 Euro kleine Unterwasserlampen. Dieser Kauf zahlt sich wirklich aus. Leuchten Sie unter kleine Überhänge oder in Spalten. Sie werden staunen wie farbenprächtig der tierische Bewuchs an lichtgeschützten Stellen ist.

Die Adria offenbart ihre Geheimnisse nur dem geduldigen und aufmerksamen Beobachter. Für unsere Generation ist ein Zeitalter der "schnellen Zeit" angebrochen. Immer mehr Information muss in immer kürzerer Zeit verarbeitet werden. Unsere Sinne lassen sich in virtuellen Räumen wirkungsvoller stimulieren. Scheinbar kann es die Realität, was die Dichte der Eindrücke betrifft, nicht mehr mit virtuellen Medien aufnehmen.

Wir sollten uns die Zeit nehmen, uns für die Natur zu begeistern. Nur so können wir auch unsere Begeisterung weitergeben ohne die es keinen wirksamen Naturschutz geben kann und wird.


Gerwin Gretschel ist Diplomand am Zoologischen Institut der Universität Graz sowie Gründer und Leiter der Meeresschule Valsaline in Pula (Istrien, Kroatien)

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